Emotionale Stabilität für Expats - I am home

Joulopukki und die Presepi viventi Weihnachtsbräuche oder was Expats so alles an Weihnachten erleben können.

Als wir in Südafrika wohnten hatten wir zur Weihnachtszeit ein nicht zu unterschätzendes Problem: wo bekommen wir einen Christbaum her? Tanne und Fichte sind im südlichen Afrika nicht heimisch und die dort übliche Plastikvariante kam für uns nicht in Frage. Die Lösung hieß: Agave. Diese Pflanze aus der Unterfamilie der Agavoideae hatte wohl irgendwann ihren Weg aus Mittelamerika nach Südafrika gefunden, und da stand sie nun: über zwei Meter hoch der Blütenstand, an die dreißig anmutig sich nach oben biegende Äste, die in kleinen Zweigen endeten. Keine Blätter, keine Nadeln. Perfekt für Christbaumkugeln, Lametta und Strohsterne, allesamt aus Deutschland mitgebracht. Jahre später, als wir uns auf die Rückkehr nach Deutschland vorbereiteten und die Möbelpacker anwiesen, dieses Teil besonders sorgsam zu verpacken und in den Container zu stellen, ernteten wir damit ein paar besonders zweifelnde Blicke.

Temperaturen wie im Gelobten Land.

Überhaupt, Weihnachten in Johannesburg: definitiv kein Schnee, die meisten Freunde am Indischen Ozean oder in Kapstadt und nur in den runtergekühlten Shopping Malls ein paar Männer mit roten Mänteln und weißen Bärten. Die riesigen Tannen und Fichten waren natürlich aus Plastik. Immerhin: geschenkt wurde am 24. Dezember abends. Das ist ja bei weitem nicht überall so auf der Welt.

Weltenbummler aufgepasst.

Für ein Third Culture Kid, das es mal so richtig krachen lassen will wäre im Dezember folgende Reiseroute zu empfehlen: am 6. Dezember in die Niederlande, denn dann wird dort ausgepackt. Am 24. Dezember in Deutschland, am 25. nach Portugal. Am 31. Dezember beschenken sich die Griechen gegenseitig, und wer dort nicht an diesem Tag sein will, der kann am 31. Dezember in Spanien sein, denn dann werden jedem Menschen an diesem Tag zwölf Weintrauben geschenkt, eine für jeden Monat des Jahres, und das bringt Glück. Schließlich hat das an Geschenken orientierte Kind ein paar Tage Zeit, bis schließlich am 6. Januar Bescherung in Russland ist. Wahlweise in Italien. Dort besorgt die Hexe Befana das Schenken. Sie fliegt in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar auf der Suche nach dem Jesuskind auf einem Besen von Haus zu Haus, und überreicht entweder Geschenke, oder bestraft diejenigen, die nicht brav waren. Eine Hexe ist es im Übrigen auch auf Island. Dort heißt sie Gryla, und die Kinder hatten früher Angst vor ihr, denn wer nicht brav gewesen war wurde von Gryla in einen großen Topf geworfen und verspeist.
In Ungarn hingegen ist es so, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke überreicht, das besorgen dort die Engel. Die Logik hinter dem 6. Januar im Übrigen ist: die Geschenke bringen die Heiligen Drei Könige, das weiß doch jeder. Die haben aber ein paar Tage gebraucht, um zum Stall zu gelangen. Also: 6. Januar.

Nikolaus in den Sommerferien.

Unsere Adventszeit in Südafrika verlief ereignislos. Höhepunkt war die erste Dezemberwoche, aber nicht wegen Nikolaus, sondern weil die Sommerferien begannen.
In Spanien ist der Höhepunkt des Advents der 22. Dezember. Dann wird „El Gordo“, ausgelost, „der Dicke“. Das ist die größte Lotterie der Welt, und nahezu alle Spanier spielen mit. Den „sorteo de navidad“ gibt es seit 1812.
In Mexiko spielen die Kinder in der Adventszeit „Osada“, das heißt „Herberge“. Sie gehen von Haus zu Haus und machen Musik. Wenn sie in ein Haus hineingelassen werden dürfen sie eine „Pinata“ zerschlagen, ein Tongefäß, gefüllt mit Süßigkeiten und Früchten. (So etwas kannten wir auch aus Johannesburg, dort allerdings bei Kindergeburtstagen.)

Besinnlich waren unsere südafrikanischen Weihnachten selten. Einmal wollten wir genau am 25. in unsere Sommerferien aufbrechen, an den Indischen Ozean. Morgens um 5 Uhr ging über Johannesburg eines jener gefürchteten Dezember-Gewitter herunter, ein Blitz schlug in unser Haus ein und sekundenlang schossen lange Feuerzungen aus den Steckdosen. Immerhin: die Agave hat es überlebt. Wir sind dann trotzdem gefahren, und zwar in die südafrikanische Provinz, die Weihnachten sogar im Namen trägt: „KwaZulu Natal“. „Kwa Zulu“ heißt ganz banal „bei den Zulu“, denn dieses Volk lebt dort mehrheitlich, und „Natal“, weil portugiesische Seefahrer am 25. Dezember 1497 in die Bucht segelten, in der heute die Hafenstadt Durban liegt, und die Bucht ganz einfach „Weihnachten“ tauften – „Natal“.

Der Weihnachtsmann – ein „global player“.

Der Weihnachtsmann spielt in Südafrika keine große Rolle. Wenn überhaupt über ihn geredet wird, dann so wie in den USA. Er kommt mit einem Schlitten vom Nordpol, gezogen von bis zu zwölf Rentieren, und sucht sich seinen Weg in die Häuser durch den Schornstein. Diese Version hat sich mittlerweile überwiegend durchgesetzt. In den Niederlanden kommt er allerdings mit einem Schiff übers Meer. In Portugal kommt er zu Fuß, ganz banal, keiner weiß woher, und klopft höflich an die Tür. In der australischen Hafenstadt Sydney hat sich der Weihnachtsmann entschieden, auf sehr landestypische Art anzureisen: auf Wasserskiern oder einem Surfboard an den Strand, in einer roten Badehose. Nur in Deutschland kommt er „von draus’d, vom Walde“. In Finnland heißt der Weihnachtsmann „Joulopukki“ und wohnt in einem Berg, der aussieht wie ein Ohr. Mit diesem Ohr kann Joulopukki die Wünsche der Kinder auf der ganzen Welt hören. Eigentlich hatte er ursprünglich die Rolle Knecht Rupprechts, resp. des Krampus, und war derjenige, der bestrafte. Heute aber bringt er die Geschenke.
Wir sehen also, der Weihnachtsmann ist überall zuhause, ohne irgendwo dauerhaft zu leben: der erste Expat, ein Entsandter mit klarem Auftrag.

Wenig besinnlich geht es auch in England zu. Die Menschen setzen sich Narrenkappen auf den Kopf, werfen Papierschlangen und trinken eine Menge Alkoholika. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es auch hier Christbäume (Fichten oder Tannen, keine Agaven), denn Albert, der aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha stammende Ehemann von Queen Victoria hatte 1848 zum ersten Mal einen im Buckingham Palace aufstellen lassen.

Die Finnen gehen, wen wundert’s, vor der Bescherung nochmal in die Sauna. Schwedische Kinder stellen traditionell Schüsselchen mit Grütze auf den Küchentisch. Die sind für die sog. „Jul-Nissen“, kleine, freundliche Weihnachtszwerge, die bei der Verteilung der Geschenke helfen. Die gibt es auch in Island. In den USA übrigens stellen die Kinder dem Weihnachtsmann Kekse hin, sowie Milch oder Kakao.

Gans oder gar nicht – was wird weltweit gegessen?

Wenn es nach Jesu Geburt schon ein Weihnachtsessen gegeben hätte, dann hätte es vermutlich so ausgesehen wie das der heutigen Christen im Libanon: „Kubbeh“, ein gebackener Brei aus Weizen, mit Fleisch und Zwiebeln. Dazu Hühnchen und Reis. Als Nachtisch „Meghli“, aus Reismehl, Zimt und Zucker, Rosinen und Nüssen. Das wird heute noch zur Geburt eines Kindes gekocht.
In vielen Ländern üblich ist immer noch die klassische Weihnachtsgans, weniger oft ist es der polnische Karpfen.
Weniger wahrscheinlich wäre in Bethlehem das englische Weihnachtsessen gewesen: „Christmas Pudding“, eine braune Masse aus Rosinen, Früchten, Eiern, Brotkrumen, Rum und Brandy und einigen anderen Zutaten. Es müssen unbedingt dreizehn sein, eine für Jesus und die anderen für die zwölf Jünger.
In den USA wird lange gefrühstückt. Ein wichtiges Gericht ist der „Glazed Ham“, ein Stück mit Honig glasiertem Schinken, dazu Kastanien, Biskuitbrot, Süßkartoffeln und Salate.
Dänen wird als letzter Gang „Risalamande“ serviert, Milchreis mit gehackten Mandeln. In einer der Portionen ist eine ganze Mandel versteckt, wer sie findet bekommt ein kleines Marzipanschwein geschenkt und hat im darauffolgenden Jahr Glück.
Mandeln spielen auch im spanischen Weihnachten eine Rolle. Hier gibt es als Vorspeise eine Mandelsuppe, aus gehackten Mandeln, Sahne, Lauch, Zwiebeln und Hühnerbrühe.
Portugiesen genießen während der gesamten Adventszeit grellbunte, kleine Hefekuchen mit gezuckerten Birnen, Kirschen und Kürbissen. Außerdem bereiten sie „Rabandas“ zu, die portugiesische Version der armen Ritter, sowie „Filhos des Abóbora“, Kürbiskrapfen mit Zimt, Zucker und Portwein. An Weihnachten gibt es dann den „Bolo Rei“, den Königskuchen, mit besonders viel kandierten Früchten. Der „Bolo Rainha“, der Königinnenkuchen kommt hingegen ohne kandierte Früchte aus.
Italiener lieben zu Weihnachten „Panettone“, ein süßes Brot aus Rosinen, Weizen, Butter, Eiern und kandierten Früchten. In Frankreich wird der „Bûche de Noel“ gereicht, eine mit Buttercreme gefüllte Biskuitrolle. Das geht auf den Brauch zurück, in der Weihnachtszeit ein geweihtes Stück Holz zu verbrennen – den sog. ‚Christklotz‘.
In Russland wird erst seit 1992 wieder weihnachtlich gekocht und gegessen. Während der sowjetischen Zeit war das verpönt. Am russischen Heiligen Abend, dem 6. Januar, wird bis zum Einbruch der Dunkelheit streng gefastet. Dann gibt es zunächst „Kutja“, ein Gericht aus Weizenkörnern, Nüssen und Honig. Gefolgt von einem Menü aus zwölf Gerichten, jeder Gang steht für einen der Apostel. Borscht-Suppe ohne Fleisch, – das ist an Heiligabend tabu -, Kartoffelsuppe, mit Reis gefüllte Piroggen. Als Getränk „Uzwar“, aus getrocknetem Obst gekocht.

Weltweite Einigkeit: das Kind liegt immer in der Krippe.

Weihnachtskrippen,die lohnen sich besonders in Umbrien, denn dort werden sie von lebenden Darstellern gebildet, angeblich vom Heiligen Franziskus von Assisi inspiriert. „Presepi viventi“ heißen sie, „lebende Krippen“, nicht nur mit lebenden Tieren, wie heutzutage vielerorts üblich, sondern auch mit lebenden Menschen. Nicht bekannt ist mir, ob die Krippen-Darsteller von Umbrien schon einmal daran gedacht haben, einen „Caganer“ zu integrieren. Der „Caganer“ ist eine Krippenfigur in Katalonien und besteht aus einem Hirten, der seine Hosen heruntergelassen hat und am Boden hockt, in, äh, eindeutiger Weise. „Caganer“, das heißt übersetzt so viel wie, – pardon -, „Kacker“. Die Figur stellt einen Hirten dar, den die Geburt Jesu so überwältigt hat, dass er sich erleichtern muss. Gibt’s, wie erwähnt, nur in Katalonien, und ist für „Presepi viventi“ wenig geeignet. Das hätte vermutlich auch der Joulopukki so gesehen.

Wir haben in Südafrika wenige Krippen gesehen, schon gar keine mit lebenden Darstellern oder Tieren. Schade eigentlich. Statt des Esels ein Zebra, statt des Ochsen einen Wasserbüffel? Hirten hätte es wie Sand am Meer gegeben, und die Heiligen Drei Könige hätten wir auch noch gefunden.

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home
Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von 'I am home' ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.
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