Leben in zwei Welten - I am home

Leben in zwei Welten

In regelmäßigen Abständen lassen wir in unserem Blog Third-Culture-Kids zu Wort kommen. Heute: Doris Traudt im Gespräch mit Lee Zoe.

 
Hallo Lee Zoe, Du bist in Karlsruhe geboren und lebst derzeit in Madagaskar. Wie kam es denn dazu?

Als ich sechs Jahre alt war, bekam mein Vater einen Auftrag dort. Meine Eltern dachten, nach eineinhalb Jahren kommen wir wieder zurück nach Deutschland. Doch mein Vater ist Architekt und es kamen immer wieder neue Projekte dazu. Und nun sind wir schon zehn Jahre dort.

 
Hast Du noch Geschwister?

Ja, noch eine zwölfjährige Schwester, und zwei Brüder, die sind jetzt zehn und vier Jahre alt.

 
Wie oft kommt Ihr denn nach Deutschland?

Oh, wir sind ganz oft in den deutschen Sommermonaten in meinem Heimatort. Und, wenn es geht, auch zu Weihnachten, denn dann feiern wir mit der ganzen großen Familie. Und das ist dann immer richtig toll, so mit Skifahren und Winter und mit allem Drum und Dran.

 
Habt Ihr auch schon mal Weihnachten in Madagskar gefeiert?

Ja, aber das ist einfach nicht so schön. Da fehlt mir der Rest der Familie. Und es ist ja auch dann die Regenzeit und Sommer bei uns. Aber auf Plätzchen muss ich auch da nicht verzichten, denn meine Mutter ist ja gelernte Konditorin und somit gibt es immer tolles Weihnachtsgebäck.

Es kam aber auch schon mal vor, dass Opa uns besucht hat zu Weihnachten. Vor einiger Zeit haben wir von Freunden einen Nadelbaum geschenkt bekommen, der wächst jetzt in einem großen Topf und steht auf der Terrasse, denn es ist verboten, Bäume für Weihnachten zu fällen.

 
Bist Du in Madagaskar auf einer deutschen Schule?

Nein, ich gehe auf eine französische. Deshalb spreche ich auch fließend Französisch. Fast jeder hier spricht Französisch, auch die Madegassen.

 
Wie viele Sprachen sprichst Du denn?

Oh, Deutsch fließend, Französisch fließend. Spanisch und Englisch habe ich aber auch in der Schule und Madegassisch – aber da habe ich nicht wirklich viel gelernt. Es reicht gerade so, dass ich mich auf dem Markt verständlich machen kann. Ach, und Latein, das habe ich aber jetzt abgewählt.

 
Gibt es noch andere deutsche Schüler auf der Schule?

Ja, meine Schwester.

 
Woher kommen denn die Schüler?

Es sind natürlich viele Franzosen da, aber auch Chinesen, Japaner und Inder, und ganz klar auch Madegassen.

 
Wenn Du träumst, in welcher Sprache machst Du  das?

Keine Ahnung, aber das werde ich oft gefragt und ich glaube, das kommt immer darauf an, was ich träume. Ich passe mich da einfach an. Das geht ganz natürlich ohne Mühen und so.

Vor einiger Zeit hat mir meine Mutter berichtet, dass sie bei mir beobachtet hat, dass ich, wenn ich mit Franzosen zusammen bin, nicht nur anders spreche, sondern mich auch ganz anders bewege und auch kleide, wie wenn ich mit Deutschen zusammen bin. Ich merke das nicht.

 
Wirst Du als Schulabschluss das französische Bacalauréat machen?

Ja, klar. Und ich denke, ich werde meinen Schwerpunkt nicht in den Sprachen haben, sondern eher im mathematisch/naturwissenschaftlichen Bereich – obwohl ich zur Prüfung mit Sicherheit auch Deutsch dazu nehmen werde. Denn das geht ja ganz leicht für mich.

 
Müsst Ihr dort Schulgeld bezahlen?

Ja, das müssen doch alle. Ab dem vierten Kind muss man aber nicht mehr den vollen Beitrag zahlen. Ein Stipendium kann man dort nur bekommen, wenn man den französischen Pass hat.

 
Gibt es in Madagaskar die Schulpflicht?

Ich glaube nicht, viele Kinder gehen nicht zur Schule.

 
Wenn Du an Madagaskar denkst, was ist denn dann für Dich der größte Unterschied zu Deutschland?

Oh, neben dem Wetter, ganz klar die engen Straßen, die vielen Schlaglöcher, der ständige Stromausfall und die lange Schulzeit. Meine Schule beginnt um 7:30 und um 16:45 endet sie, und dann fahre ich noch, wenn es dumm läuft, mit unserem Fahrer über eine Stunde bis nach Hause und dann habe ich noch Hausaufgaben.Vor einiger Zeit war ich auch in Deutschland mal in der Schule und da habe ich gemerkt, dass die deutschen Lehrer einfach nicht so viel erklären wie unsere Lehrer. Wenn du da nachfragst, dann bekommst du schnell die Antwort, das habe ich doch schon gesagt und dann muss man eben selbst zusehen, wie man sich da schlau macht. Das ist echt ein Unterschied, und irgendwie sehen die deutschen Schulen, obwohl sie nichts kosten viel reicher aus. Wir haben auch Beamer und Rechner in der Schule und dennoch ist die deutsche Schule irgendwie reicher.Die Madegassen sind, obwohl sie sehr arm sind, sehr freundlich. Leider wird der Unterschied zwischen arm und reich immer größer.

 
Fühlt Ihr Euch sicher?

Ja schon. Und dennoch haben wir zuhause einen Wächter, der ist zugleich auch der Gärtner. Und dann haben wir Mauern mit Stacheldraht.

 
Madagaskar ist dein Zuhause, und wo ist deine Heimat?

Meine Heimat ist Deutschland. In Madagaskar bekomme ich oft Vaza zu hören und das heißt „Ausländer“ – das ist kein schönes Gefühl.

 
Wenn Dich Freunde in Deutschland fragen, ob sie mal für einige Zeit in Madagaskar leben sollten, was würdest Du Ihnen sagen?

Ganz klar ja. Solange Eure Kinder noch klein sind, ist das wirklich toll: Aber sobald sie sich selbstständig bewegen möchten, so wie man das hier in Karlsruhe eben machen kann, dann geht das mit Madagaskar nicht. Selbst wenn ich mich auf das Fahrrad setzen würde, könnte ich da zu keinem meiner Freunde fahren, die sind einfach zu weit weg.

Bei uns in der Nähe, da gibt es kein Kino oder eine andere Möglichkeit, mal wegzugehen. Man kann einfach nichts.

Wir haben auch Busse, die könnte ich nehmen, aber die nehme ich sehr ungern, denn die sind immer völlig überfüllt und ich werde eben als Ausländerin immer so angestarrt. All das ist in Deutland so anders.

 
Dein ganzes soziales Leben ist also in der Schule.

Ja, und das finde ich schade.

 
Auf was bist Du stolz?

Dass ich so viele Kulturen in mir trage. Ich bin Deutsche in einer französischen Schule und lebe  in Antananarivo.

Liebe Lee Zoe, danke für Deine Zeit und das tolle Gespräch.

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home
Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von 'I am home' ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.
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