„ Pünktlichkeit ist die Kunst, richtig abzuschätzen, um wie viel der andere sich verspäten wird.“*

Vor einigen Tagen saßen mein Mann und ich in einem kleinen Café in Karlsruhe und warteten auf unsere Bestellung. Da wir wirklich sehr lange warten mussten, kam es dazu, dass wir plötzlich nicht nur plauderten, sondern damit begannen, über etwas Grundsätzliches zu sprechen. Und zwar darüber, wie wir mit der Zeit umgehen.

Wann begann es, dass du merktest, dass nicht alle auf der Welt sich nach unseren Zeitvorstellungen richten?

Kannst du dich noch erinnern wie ich Anfang der 90er im südlichen Spanien zu tun hatte, genauer gesagt in Marbella? Eines der Gespräche sollte mit dem Bürgermeister der Stadt sein. Ich rief von Deutschland aus an, um einen Termin zu vereinbaren. Es war so gegen 14 Uhr, als ich es versuchte. Ich dachte mir: „Da sind die bestimmt schon wieder vom Mittagessen zurück.“ Ich war naiv. Niemand war da, außer einer völlig verdatterten Telefonistin. Kurz zuvor hatten alle das Rathaus verlassen. Wann ich denn wieder anrufen solle, fragte ich. „Probieren Sie es nach 8 Uhr abends“, sagte die Telefonistin. 8 Uhr abends? Ich dachte, das könne nicht sein. Ein Versehen. Versuchte es um 17 Uhr. Fehlanzeige. 18 Uhr. Nichts. Also gut: 20 Uhr. Freundliche Auskunft: an welchem Tag solle das Gespräch stattfinden? Ich nannte einen Tag. „Das geht. Kommen Sie bitte um 22 Uhr ins Rathaus.“ Das Gespräch fand dann in der Tat statt. Aber nicht um 22 Uhr. Sondern um Mitternacht. Danach lud mich der Bürgermeister zum Abendessen ein. Das ist natürlich lange her. Heute würde das nicht mehr so sein. Heute sind auch die Spanier globalisiert und richten sich nach zentraleuropäischen Geschäftszeiten. Die Siesta war mal.

An diese Bürgermeister-Geschichte kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber war da nicht nochmal was mit einem Bürgermeister?

Meinst du die Geschichte in Italien mit dem Bürgermeister-Termin, in Reggio di Calabria? Das war richtig eng, ich hatte nur an einem einzigen Tag Zeit und ich wusste, ich würde den Bürgermeister für einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen wollen. Ich drängte darauf, möglichst früh vorbeikommen zu können. Freundliches Einverständnis. Um 8 Uhr saß ich im Vorzimmer. Um 9 Uhr auch noch. Und auch um 10, um 11 und um 12.. Auf meine in immer kürzeren Abständen erfolgende Frage, wann ich denn nun endlich dran wäre bekam immer die gleiche Antwort: „Bitte nehmen Sie Platz.“ Um 14 Uhr war ich weich gekocht. Die Tür ging auf, der Bürgermeister. Ob ich vielleicht nachmittags wiederkommen könnte? Nein? Schade. „Dann kommen Sie mit mir nach Hause, zu Mittag essen.“ Dort, – und später dann auch wieder im Rathaus -, hatte ich ihn die gesamte Zeit exklusiv zur Verfügung. Andere, die einen Termin hatten, mussten unverrichteter Dinge wieder weggehen. Keiner murrte. Ich merkte: wer ihn einmal hatte, durfte seine Sache bis zum Ende durchziehen. So war das damals.

Wenn ich an die 90er denke, dann fallen mir Deine zahlreichen Dreharbeiten in Paris ein. Wie war denn da das Zeitmanagement ?

Nach einigen einschlägigen Erfahrungen gewöhnte ich mir an: vormittags einen Termin, nachmittags einen zweiten. Mehr nicht. Entweder die Gesprächspartner waren gar nicht da, oder kamen viel später, oder sie waren da und hatten gerade etwas anderes zu tun. Außerdem, die Wege sind weit in Paris, die Staus lang. Irgendwann kamen die Pariser Projekte zu einem Ende. Das nächste war in den Niederlanden. Ich, aus alter Gewohnheit: vormittags einen Termin, nachmittags einen zweiten. Beide Gesprächspartner waren da, beide hatten sofort Zeit. Den Rest des Tages saß ich dumm rum.

Wenn Du an Afrika denkst, was fällt Dir sofort zum Thema Zeit ein?

Das eine Mal haben wir doch gemeinsam erlebt. Auf dem einen Markt in Johannesburg bekamen wir mit, wie unser südafrikanischer Freund Gerald zwei Geschäftspartner aus Deutschland zu Besuch hatte. Sie wollten sich den Markt ansehen. „Machen Sie“, hat Gerald gesagt. „Ich kenne ihn schon, ich bleibe hier.“ Wann sie denn wiederkommen sollten? „Bleiben Sie, solange Sie wollen. Wir finden uns wieder.“ Aber das wollten die beiden Deutschen nicht. Das Gespräch kam fast zum Stillstand, der Ton wurde gereizter. Fast wäre der ganze Besuch geplatzt. Weißt Du noch, was Gerald dann gesagt hat? „Kommen Sie in einer halben Stunde wieder.“ Erlöst sind die beiden abgezogen. Nach einer halben Stunde waren sie pünktlich wieder da. Ob sie denn alles hätten sehen können? Nein, dazu hätte die Zeit nicht gereicht. Gerald hat nur den Kopf geschüttelt und wir haben nur noch gelacht.
Und eine zweite Geschichte. Wir lebten ja schon in Südafrika und waren eine richtige Expat-Familie, als die Fußball-WM in Deutschland stattfand. Die südafrikanischen Medien hatte viele Beobachter nach Deutschland entsandt, sie wussten ja, die nächsten würden dann sie sein. In einer Zeitung las ich, wie ein Reporter glaubte, die effizienten Deutschen bei einem Riesenfehler erwischt zu haben. Er sei auf einem Bahnsteig gestanden. Auf der elektronischen Tafel habe er gelesen: „Verspätung ca. 5 Minuten“. Das sei ein Fehler der Deutschen gewesen, schrieb er genüsslich in seinem Artikel. 5 Minuten, das sei noch lange keine Verspätung. 5 Stunden ja. Aber doch nicht Minuten.

„Der Bus kommt, wenn er kommt“?

Ja. Und er fährt auch, wenn er fährt,und hält wo und wie es eben passt, und nicht an einer Haltestelle oder einem Fahrplan. Besonders in den ärmeren, ländlichen Gebieten. Dort wartet der Fahrer, bis der Bus voll ist, denn sonst lohnt es sich nicht los zu fahren. Diejenigen, die früher kommen, warten notgedrungen. Manchmal stundenlang. Funktionieren tut das System trotzdem. Nur eben nicht so wie bei uns. Wenn wir Expats uns beschweren bekommen wir dann oft zu hören: „Das ist nicht unsere Kultur“. Das mit der Kultur ist aber nicht nur in afrikanischen Ländern so. Auch in Europa gibt es das. Da fällt mir nochmal Italien ein. Ich hatte mich mit einem Fahnder der Finanzpolizei getroffen, morgens um 9 Uhr. „Zunächst einmal gehen wir runter ins Café. Da bekommen Sie einen schönen Espresso.“ Ich brauche gar keinen, winke ich ab. Doch, doch. Er bestehe darauf. Ohne einen Espresso könne man einen Tag gar nicht beginnen. Unmöglich. Das gehöre zur italienischen Kultur. Wir also runter, ins Café. Ich bekomme einen Espresso. Er: nichts. Meinen fragenden Blick beantwortet er so: „Ich trinke niemals Kaffee. Ich vertrage ihn nicht.“

Unsere Bestellung, – Espresso und Tee -, kam genau in dem Moment, in dem sich Richard an die Geschichte in Italien erinnerte. Punktlandung meinten wir, und jetzt bin ich gespannt von Euch zu hören.

*Bob Hope

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home

Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von ‚I am home‘ ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.


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