Expat in Belgien - I am home

Als Expat in Belgien

Cornelia ist Mutter von vier Kindern im Alter von 30, 28, 20 und bald 18, das erste Enkelkind ist gerade geboren worden. Seit fast vier Jahren lebt sie in Brüssel, und ein Zurück-Ziehen nach Deutschland steht vor der Tür. Der Jüngste macht gerade sein Abitur an der Europäischen Schule in Brüssel.- Ein ungefiltertes Interview mit Doris Traudt.

 

Wie war Ihre Lebenssituation, als Sie und Ihr Mann beschlossen haben, mit der Familie berufsbedingt ins Ausland zu gehen?

Wir lebten damals in München, meine beiden Großen wohnten bei ihrem Vater. Ich arbeitete, unsere Tochter war in der Schule und der Jüngste im Kindergarten.

 

Wie war die Stimmung in der Familie, als das Angebot kam ins Ausland zu gehen?

Wir haben das sehr positiv gesehen, hatten keine Zweifel, ob wir das Angebot annehmen sollten oder nicht. Wir freuten uns. Die Kleinen hatten keinerlei Vorstellung, was das bedeuten wird und mit den Großen sind wir schön essen gegangen und haben ihnen dann eröffnet, dass wir nach Paris ziehen werden.

Mein Großer war kurz vor dem Abitur und für ihn war ganz klar, dass er nicht mitkommen wird. Aber sein Bruder, der damals 17 war, sagte sofort „toll, da komme ich mit“. So kam es, dass er die letzten beiden Jahre bis zum Abitur in Paris lebte. Interessant war die Reaktion von Freunden und Bekannten: Viele sagten, sie könnten es sich nicht vorstellen aus München wegzugehen. Wir jedoch freuten uns einfach nur über diese wunderbare Chance.

 

Wie war das denn mit der Sprache?

Da unsere Kinder an die Deutsch-Französische-Schule in Paris gingen, gab es keine Probleme. Der Unterricht fand auf Deutsch statt, und von Anfang an hatten die Kinder intensiv Französisch- Unterricht, ca. 12 Stunden in der Woche, sodass sie die Sprache schnell lernten. Mein 17-jähriger Sohn konnte schon gut Französisch, aber was wir völlig unterschätzt hatten, war der Verlust der vertrauten sozialen Kontakte, die ein Teenager einfach braucht.

Mein Sohn vermisste seine alten Freunde sehr. Deshalb haben wir es organisiert, dass er in allen Ferien nach München fuhr. Unsere Tochter ist völlig unkompliziert im Knüpfen von Kontakten, und auch das Erlernen der neuen Sprache war zu keinem Zeitpunkt ein Problem. Ich glaube, ihr fiel die Umstellung am leichtesten. Und unser Jüngster kam in Paris zur Schule. Er stand vor der Herausforderung, eine neue Sprache und Schreiben und Rechnen zu lernen, auf Deutsch und Französisch. Das war richtig hart für ihn, und er war oft überfordert. Er ist eben ein richtiger Junge, der außer Lernen auch noch anderes im Sinn hat.

Die Schule war – wie in Frankreich üblich – eine Ganztagsschule, und in den ersten Wochen und Monaten holte ich die Kinder am Nachmittag mit dem Auto von der Schule ab, da ich mir dachte, dann haben sie schon mal Zeit, ihre Erlebnisse vom Tag zu verarbeiten. Das waren sehr anstrengende Fahrten, im Berufsverkehr mit drei aufgedrehten Kindern, die all ihre Sorgen abluden! Irgendwann sagten sie von alleine, dass sie lieber mit dem Schulbus fahren würden. Das war eine gute Entscheidung, da sie dort mit anderen Schülern ihre Erlebnisse teilen konnten, das half.

 

Ihr Sohn ging in allen Ferien nach Deutschland?

Ja, und ich dachte oft, der wird nicht wieder zurückkommen, aber er kam immer wieder. Ich teilte ihm natürlich meine Sorge mit, und seine Antwort war sehr klar: „Ich zieh‘ das durch, ich möchte mir und meinen Freunden beweisen, dass ich das packe, ich bin doch kein Loser“. Diese zwei Jahre durchgehalten zu haben, ist für ihn der größte Gewinn, den er aus der Pariser Zeit mitnahm. Die Perfektionierung der Sprache war sicherlich auch etwas ganz Tolles, aber die Gewissheit zu erlangen, dass er sich überall behaupten kann, das war das Wichtigste.

 

Wie erging es Ihnen als ‘Trailing Spouse’?

Mir ging es die ersten drei Monate schlecht. Ich konnte dort nicht arbeiten und die Tatsache, dass ich kein eigenes Geld verdiente, hat mich sehr heruntergezogen.

In den ersten Monaten war ich also ganz für Kinder und Haushalt da, ich musste mich selbst erst orientieren und meine Sprachkenntnisse aufbessern. Ich besuchte eine Sprachschule und wurde Mitglied bei der französischen Diplomaten-Vereinigung, die viele Führungen und alle möglichen Kurse anbietet. So bekam ich viele Kontakte und lernte viele neue Dinge kennen. Und das alles zusammen half sehr. Aber die Tatsache, dass ich kein eigenes Geld verdiente, war immer noch sehr schmerzlich.

Oft fühlte ich mich minderwertig. Besonders hart war es, wenn ich mit meinen Freunden in Deutschland sprach, von denen ja viele arbeiteten. Es war einfach schwer zu wissen, du kannst mehr, und dort, wo du nun mal bist, kannst du das nicht leben. Für mich begann eine Zeit, in der ich mich sehr auf mich selbst besinnen und mich dabei so vielen neuen Dingen öffnen musste. Das war sicherlich der größte Schritt für mich, den ich in dieser Zeit gegangen bin.

Ich habe am Anfang sehr oft mit meinen Freunden in Deutschland telefoniert, und immer wieder hörte ich mich die gleichen Sätze sagen. Nach einer Weile konnte ich meinen neuen Status akzeptieren, und ab da ging es mir richtig gut. Nach zwei Jahren hatten wir uns sehr gut eingelebt und mein Sohn hatte das Abitur in Frankreich an der Deutsch-Französischen Schule gemacht. Er zog zurück nach Deutschland, absolvierte seinen Zivildienst und fing dann an zu studieren.

Wir blieben noch drei Jahre, und dann gingen wir auch zurück nach Deutschland, nun nicht mehr nach München, sondern nach Berlin.

 

Was war denn Ihr größter Wunsch, den Sie als Expat an Deutschland hatten?

Ich wollte endlich wieder arbeiten. Aber alles, was dann kam, war viel unsicherer und wechselhafter als das, was ich in München zurückgelassen hatte. Ich war älter geworden, hatte kein berufliches Netzwerk und niemand kannte oder brauchte mich dort. Zugleich hatte ich zwei Kinder im Studium und das Einkommen war nun nicht mehr mit dem Segen der Auslandszulage versehen. Ich behauptete mich immer wieder in vielen kleineren Jobs und konnte so meine beiden Großen unterstützen. Der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt war wirklich hart, aber ich schaffte es, und das war die Hauptsache. Anknüpfen an den alten Status konnte ich aber nicht mehr.

 

Wie erging es Ihren Kindern?

Nun, unsere Tochter besuchte zuerst eine Europäische Schule, wechselte aber recht schnell auf die Französische Schule, da ihr die Sprache und die ganze Art zu unterrichten vertraut war. Unser Sohn brauchte auch hier so seine Zeit, aber er schaffte alles reibungslos.

 

Wann ging es wieder auf Tour?

Nach drei Jahren bekamen wir das Angebot, nach Brüssel zu gehen. Zuerst mal schauten wir uns die Stadt an, und wir konnten auch das Haus sehen, in dem wir leben würden. Danach sagte die ganze Familie „ja“ zu dem neuen Abenteuer. Als wir dann umzogen, war unsere Tochter 16 und unser Jüngster 14 Jahre alt.

 

Wie war der Anfang für Sie als Expat in Belgien?

Ganz leicht. Ich hatte beschlossen diese Zeit als Expat in Belgien zu genießen und das tat ich auch. Die Kinder gingen hier an die Europäische Schule, die Schüler und auch die Lehrer kamen aus vielen Ländern Europas. Unsere Tochter hatte Glück, sie kam in eine nette Klasse, und unser Sohn brauchte etwas Zeit, um neue Freunde zu finden. Der Sprachmix an der Schule war beeindruckend, die verschiedenen Nationalitäten spielten meistens keine Rolle. Momentan ist unser Jüngster im Abitur, und er schafft das mit Bravur.

Unsere Tochter machte hier in Brüssel vor zwei Jahren Abitur und ging dann auf Reisen. Auch bei ihr können wir sehen, dass Sprache und Nationalität keine Rolle spielen. Wenn sie von Leuten erzählte, die sie auf ihren Reisen kennengelernt hatte, konnte sie uns hinterher oft gar nicht sagen, wo die Menschen herkamen, die sie getroffen hatte. Es ist ihr eben völlig unwichtig. Ich bin mir sicher, dieser leichte Umgang mit Nationalitäten und Sprachen ist ein Ergebnis ihrer Kindheit.

 

Jetzt steht ja bald wieder der Umzug nach Deutschland an. Auf was freuen Sie sich?

Am meisten freue ich mich darauf, dass ich wieder Deutsch sprechen kann, denn das bedeutet für mich Heimat. Und darauf, dass drei meiner vier Kinder in derselben Stadt leben wie ich. Außerdem auf eine gewisse Freiheit, denn ich werde dann keine Schulkinder mehr haben.

 

Welche Tipps können Sie als Expatriate mitreisenden Partnern geben?

Ich denke, es ist sehr wichtig, dem arbeitenden Partner zu vermitteln, wie schwierig es sein kann, den eigenen Beruf für die Karriere des anderen aufzugeben oder zumindest zu unterbrechen. Man wird in einen völlig anderen Status versetzt, und diese Veränderung kann schmerzhaft und schwierig sein. Man muss es als Chance sehen, man sollte unbedingt die Sprache lernen, die Stadt und das Land anschauen und kennenlernen, neue Dinge entdecken und lernen. Und sich nicht in der deutschen Gemeinde verkriechen.

 

Und die wichtigsten Erfahrungen für die Kinder?

Da unsere Kinder nie auf einer deutschen Schule im Ausland waren, haben sie die fremde Sprache, also das Französische, sehr gut gelernt. Und sie wissen, dass man überall neue Freunde finden kann. Außerdem haben sie gelernt, dass man es überall schaffen kann.

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home
Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von 'I am home' ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.
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