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Eine Expat-Familie zieht um die Welt

Eine Expat-Familie zieht um die Welt: Von Bangkok über Hanoi, zurück nach Wien und weiter nach Johannesburg. Lesen Sie von den verschiedenen Stationen einer Familie und den Erfahrungen, die sie dabei machten. Ein Interview von Doris Traudt mit Erika.

 
Unser erster Auslandsaufenthalt begann 1989, es ging nach Bangkok. Wir waren verheiratet und kinderlos. 1993 kam unser Sohn zur Welt. Ein Umzug von Bangkok nach Hanoi fand 1995 statt, und 1996 kam unsere Tochter dort zur Welt. 2000 zogen wir zurück nach Wien. 2007 zog es uns wieder hinaus, diesmal nach Johannesburg.

 

Aus welchem Grund sind Sie damals mit Ihrem Mann nach Bangkok gegangen?

Das ist schnell gesagt. Mein Mann und ich, wir wollten schon immer mal in Asien leben, und als das Angebot kam, war uns sofort klar, dass wir das machen werden.

 

Wie war Ihre Lebenssituation?

Ich war bei einer Firma in Wien angestellt und musste meine Tätigkeit aufgeben. Als wir in Bangkok ankamen musste ich feststellen, dass es keine Arbeitsgenehmigung für mich gab. Das war am Anfang nicht so leicht. Ich fühlte mich – in der Gesellschaft – wie ein Anhängsel. Da musste ich mich erst einmal herausarbeiten. Trotz der großen Unterstützung von meinem Mann war klar, dass ich mein eigenes Leben aufbauen muss!

 

Wie lange dauerte der Schockzustand?

Schockzustand ist mir zu stark, vielleicht – wie lange dauerte es bis ich wieder mein eigenes Leben hatte?

Nun, ich fühlte mich total verloren es fehlten mir Inhalte. Mein Mann hatte viel Abwechslung in der Arbeit und viele Reisen, doch wo sollte ich hin? Ich suchte nach neuen Lebensinhalten in Bangkok, das war gar nicht so einfach. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich meine Füße wieder am Boden hatte. Das erste Jahr ist immer das Kritischste. Alles, aber auch wirklich alles, ist neu.

 

Wie kommunizierten Sie?

Ich machte ein Sprachkurs und lernte Thai; es war ein Intensivkurs von einem halben Jahr. Durch den Sprachkurs bekam ich eine ganz neue und intensive Beziehung zu dem Land. Denn Sprache ist ja so viel mehr als nur das Erlernen der Worte, hier erfährst du den kulturellen Hintergrund, und somit versteht man die Menschen viel besser. Dieser Sprachkurs war der Beginn meines selbstständigen Lebens vor Ort.

Generell sei aber gesagt: mit Englisch kommt man auch ganz gut durch. Als wir angekommen waren kannte ich dort wirklich niemand.

Ab und zu gab es die Business Dinner mit meinem Mann, die meistens sehr nett waren, aber nicht mehr! Es waren nicht wirklich Kontakte die mir in meiner Situation weitergeholfen hätten. Doch wo sollte ich Menschen treffen, die mich wirklich interessieren? In diesen Sprachkurs traf ich Menschen, die zu richtigen Freunden wurden. Der erste Schritt war gemacht. 

 

Als Sie dann schwanger geworden waren, wie ging es Ihnen dann?

Ich fühlte mich prima und total zuhause. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Wunsch, nach Wien zurückzuziehen. Unser Sohn kam dann dort in der 27. Woche zur Welt, das waren grauenhafte Wochen und Monate. Wir wussten manchmal nicht, ob er überleben würde. Die Ärzte fragten mich manchmal ob ich nicht nach Wien zurück möchte, doch das kam für mich zu keinem Zeitpunkt infrage. Thailänder gehen davon aus, dass man Krisensituationen besser zuhause durchsteht. Ich fühlte mich aber in Asien total zuhause.

 

Ja, das ist ein spannende Frage: was ist zuhause?

Nun da gibt es mehrere Antworten; zunächst ich bin da zuhause wo mein Familie lebt. Wenn sich das erste Jahr mit den unruhigen Zeiten des Ankommens gelegt hat, ist das dann mein Zuhause. Auf der richtigen, tiefen Gefühlsebene ist es jedoch immer Asien, und das hat sich bis heute niemals geändert. Wenn ich dort hinkomme dann bin ich zuhause, dann bin ich glücklich.

Ja, und für die Kinder, da ist das sicher noch einmal ganz anders. Ich habe mir Mühe gegeben und wir haben immer Deutsch gesprochen. Wir haben bestimmte kulturelle Dinge beibehalten, wie zum Beispiel Traditionen an Weihnachten, Ostern und Geburtstagen. Die Kinder sind zwar in Asien geboren, werden aber nie welche sein! Auch wenn sie das für einige Zeit glaubten. Sie sind Europäer im Ausland. Ich glaube, Hanoi war die erste Stadt, in der sie sich zuhause gefühlt haben. Einmal im Jahr sind wir nach Europa um die Familie zu besuchen, aber auch um ihnen Europa – speziell Wien, da wir dort unsere Wohnung hatten – näher zu bringen.

Für die Kinder war das immer eine super Zeit. Wahrscheinlich spürten sie auch, dass sie in Europa irgendwie dazu gehörten. Aber ihr zuhause war ganz klar Hanoi.

 

Worin besteht der größte Unterschied im Leben in Ihrer Kindheit zu der Kindheit ihrer Kinder?

Das Aufwachsen in zwei sehr unterschiedlichen Kulturen, wo sich mit der Zeit die Gewichtung durch einen Umzug verschiebt. Damit zu Recht zu kommen ist nicht einfach. Sie sind in einer Kultur aufgewachsen, in der sie sich sehr wohlgefühlt haben und auch dachten, dass sie dazu gehörten. Dann ziehen sie in das Land, von dem sie den Pass haben, wo Familie wohnt, es herrliche Ferien gab und jeder sagt: “Das ist doch deine Heimat hier!“

Man kann sagen, sie sind zweigleisig aufgewachsen. Das empfinde ich als signifikant. Meine Kindheit war ganz normal ohne größere Veränderungen, was natürlich auch viel Sicherheit in sich birgt.

 

Wie erlebten Sie den Rückzug nach Wien?

Die ersten zwei Jahre waren wirklich nicht einfach für die Familie. Der anfänglichen Freude folgte ein ziemliches Tief. Mein Mann war wieder ständig auf Reisen, ich musste Haushalt und Kinder organisieren und war selber ganz unglücklich. Die Kinder merken irgendwann, dass es keinen Rückflug gibt. Niemand interessiert sich für das, was du so erlebt hast. Die Kinder waren teilweise wirklich sehr traurig und hatten Heimweh. Ein halbes Jahr später sind wir dann für einen Urlaub zurück nach Vietnam geflogen, was besonders für die Kinder sehr positiv war.

 

Welche Gefühle verbinden Sie mit Wien?

Für mich ist Wien negativ behaftet. Bei den Kindern ist das nicht so. Sie sind beide wieder dort hingezogen, sie leben in Wien und es geht ihnen gut da. Unser Sohn studiert in Wien und unsere Tochter lebt unter der Woche in einem Internat. Die Wochenenden verbringt sie in unserem zu Hause in Wien wo auch unser Sohn wohnt. Sie fühlen sich sehr wohl dort. 

 

Warum ist ihre Tochter dort im Internat, Sie leben doch derzeit in Johannesburg?

Ja das ist so eine Sache mit der Schule. Nicht jede Schule kann das leisten, was man braucht, und hier in Johannesburg ist die Auswahl an Schulen für Deutsche nicht wirklich gegeben. Auch ist die Selbstständigkeit eines jungen Menschen ganz wichtig. Hier in Südafrika kann ein Teenager diese nicht leben. Jetzt in Österreich kann sie sich frei bewegen, und auch die Schule unterstützt sie sehr, sehr positiv, sich in ihrer Einzigartigkeit zu entwickeln.

 

Noch einmal zurück auf der Zeitachse: von Wien ging es mit der ganzen Familie nach Johannesburg. Wie haben Sie diesen Umzug erlebt?

Nun, meine Kinder gingen auf die Deutsche Internationale Schule in Johannesburg. Mein Sohn hat erst einmal eine Klasse übersprungen, er war wirklich unterfordert und machte dann das Abitur mit 18. Jetzt studiert er in Wien. Unser Tochter mit ihre Dyskalkulie konnte letztlich in dieser Schule keine Heimat finden. Aus diesem Grund ist sie jetzt auch in Österreich im Internat. Das Wunderbare an dieser Schule ist, dass sie oft gefragt wird: „Und wie ist das bei euch in Südafrika?“. Dort braucht sie sich nicht zu verstellen, dort interessiert man sich für ihren Lebensweg, und die Lehrerin sagt ihr, dass es etwas Besonderes ist eine Schülerin aus Südafrika zu haben. Wenn ich mir meine Kinder jetzt anschaue, dann sehe ich, wie gut sie sich entwickeln und ich bin sehr stolz auf sie.

 

Wie gestaltet sich denn nun das Familienleben?

Im letzten Jahr musste ja alles ganz schnell gehen, und der Abnabelungsprozess ging im Turbogang. Ich war recht oft in Österreich bis alles organisiert war. Nun werden wir es so machen, dass wir auf jeden Fall im Sommer zusammen Urlaub machen, auch wenn das mit Urlaub, Schulferien, Semesterferien eine echte Herausforderung ist. Aber wir werden das schaffen, und Weihnachten werden wir mit Sicherheit in unserer Wohnung in Wien sein. Mein Mann ist beruflich immer mal wieder in Österreich und legt dann seine Termine so, dass da ein Wochenende dabei ist, und ich werde immer mal wieder da hinfliegen.

Ich fühle mich hin- und hergerissen. Auf der einen Seite geht der Abnabelungsprozess rasant schnell. Es tut manchmal weh, wenn man merkt, dass die Familie auf einmal ganz anderes aufgestellt ist. Sowohl Eltern als auch Kinder müssen ihren neuen Platz im Leben finden. Mein Ziel für dieses Jahr ist, etwas mehr Ruhe in das Familienleben zu bringen. Alles in Allem ist die Entwicklung der Kinder aber sehr positiv, und deshalb schaffen wir das.

 

Welche Tipps können Sie denn an die weitergeben, die neu auf das Karussell der Weltenbummler aufspringen?

 

  1. Nehmt nur Arbeitsverträge an, die mindestens 5 Jahre lang laufen.
  2. Es wird alles neu sein. Schafft euch ein schönes Zuhause.
  3. Baut Strukturen.
  4. Wenn das Heimweh kommt, fahrt nicht gleich zurück, sondern schaut euch das Land an, im dem ihr nun lebt.
  5. Lernt die Kultur und das Land kennen. Nicht abkapseln und immer mal wieder zurück in die alte Heimat fliegen 

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home
Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von 'I am home' ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.
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