Heimat für die Familie schaffen - i am home

Erfahrungen einer multikulturellen Familie beim Umzug

Die Mutter ist Deutsche, der Vater mit italienischen Wurzeln ist in Südafrika geboren. Die Kinder der beiden, zwei Mädchen (14 und 10 Jahre im Umzugsjahr) sind auch in Südafrika geboren und dort als Europäer und zugleich als Afrikanerinnen sozialisiert worden. Die Familie macht sich auf den Weg nach England. – Doris Traudt im Interview mit Silke C.

 

Wie war eure Situation in Südafrika vor dem Umzug?

Unsere Ältere hatte in der Schule in Südafrika nicht wirklich gute Freunde und war doch eher unglücklich. Wir hatten das Gefühl, dass sie durchaus bereit war, noch einmal ganz neu anzufangen – wenn da nicht das geliebte Pony gewesen wäre, das sie zurücklassen musste. Und unsere jüngere Tochter sah dem Umzug mit großer Vorfreude entgegen; auf einmal war das was ganz Besonderes.

Ich hatte schon länger das Gefühl, dass es Zeit wird, wieder nach Europa zu gehen. Die Sicherheitslage wurde mir zu kritisch, mein Mann wurde angeschossen, die Überfälle häuften sich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Und die Kinder kamen jetzt in ein Alter, in dem es wirklich wichtig ist, sich frei bewegen zu können. Ich wünschte mir für sie, dass sie völlig ungezwungen alleine in die Schule oder in die Stadt gehen können. All das zusammen und das gute Angebot meines Mannes ließ uns nicht lange nachdenken. Klar, England ist viel teurer und enger und die Pferde mussten zurückbleiben…, doch die Vorteile lagen ganz klar in Europa.

 

Und dann seid ihr umgezogen?

Eigentlich fängt ja alles schon immer Monate vor dem Umzug an, und die Vorbereitungen waren sehr intensiv. Als wir in England ankamen waren einige Arbeitskollegen von meinem Mann vor Ort, die uns mit den praktischen Dingen gut helfen konnten. Das Haus hatten wir schon von Johannesburg aus gemietet und auch die Schulen für die Kinder hatten wir bereits von dort aus angesprochen.

Alles fing wie ein großes Abenteuer an. Als wir ankamen war nichts im Haus – wir sind erst mal in den Supermarkt gegangen, um Bettzeug und das Nötigste zu kaufen. Wir spielten Camping im Haus bis Wochen später der Container kam.

 

Komme was da wolle, es ist immer alles zu schaffen.

 

Wie ging es den Kindern am Anfang?

Die Schule war zwar ungewohnt, aber ich hatte das Gefühl, dass beide Kinder die neue Schule als Chance sahen und bis Weihnachten ging auch alles recht gut. Wir richteten uns ein und fragten uns durch.

Doch dann kam unsere Große in einen Freundeskreis, der uns erschreckte. Arbeitsverweigerung, Schule schwänzen… – ein Milieu, das sie noch nicht kannte und vor dem man die Kinder in Südafrika immer schützt. Da wachsen weiße Kinder sehr behütet auf, denn sie werden von den Eltern immer mit dem Auto gefahren. So kommt es einfach nicht vor, dass sie Kontakt zu Leuten haben, die die Eltern nicht als Freunde akzeptieren und die einen wirklich schlechten Einfluss auf sie haben. Die neue Freiheit in England war eine große Herausforderung, und jeder in der Familie musste lernen mit den Vor- und Nachteilen dieser neuen Möglichkeiten zu leben. Diese Zeit war so voller Überraschungen, das hätten wir nie für möglich gehalten. Aber wir lernten dazu und irgendwann rauften wir uns wieder zusammen, denn der familiäre Zusammenhalt spielt in so einer Situation eine ganz große Rolle. Kaum war das geschafft, da begannen die Schwierigkeiten in der Schule, aber auch dafür gab es eine Lösung. Langweilig wurde uns zu keinem Zeitpunkt und jetzt sind wir als Familie so richtig durch dick und dünn gegangen – ich glaube das hat uns unglaublich zusammengeschweißt.

Der direkte Kontakt mit Jugendlichen aus anderen sozialen Schichten und die schulischen Herausforderungen sowie der Verlust des geliebten Ponys sind Spuren, die sich in die Seele unserer großen Tochter eingebrannt haben, die sie wachsen ließen und ihr klarmachten: komme was da wolle, es ist immer alles zu schaffen, auch wenn man nicht immer sagen kann, wie und wann. Letztendlich machen solche Erfahrungen stark fürs Leben.

Unsere Jüngere geht so ganz anders mit dem Leben um. Sie war 10 Jahre alt, als für sie die Reise begann. Sie konnte die große Umstellung als Abenteuer genießen, sie fand schnell neue Freunde und auch in der Schule lief alles völlig reibungslos, ja geradezu bewundernswert gut. Bald schon fing sie wieder mit dem Reiten an und sie liebt nach wie vor das Klavierspielen – sie war und ist ein fröhlicher Sonnenschein.

 

Wie erging es Dir?

Ich fragte mich, ob ich das wohl noch einmal schaffe, so einen großen Umzug. Ich war schon öfters umgezogen: Von Deutschland nach Amerika, von dort nach Südafrika, und jetzt sollte es nach England gehen mit Mann und Maus. Es war eine Art Mutprobe für mich: Kann ich das noch? Und wenn ja: Wie oft kommt das noch auf mich zu? Aber bei all den Bedenken – eines war klar: Ich freute mich auf Europa. In Südafrika habe ich immer gedacht, ich sei eine echte Europäerin. Hier in England merke ich nun, ich bin doch eine echte Deutsche. Und ich dachte natürlich viel darüber nach, wie viel Afrika wohl in meinen Kindern steckt. Haben sie die gleiche Sehnsucht wie ich? Schließlich sind sie in zwei Kulturen aufgewachsen, sie verbrachten eine sehr intensive Zeit mit ihrer afrikanischen Kinderfrau und konnten sich nicht frei und eigenverantwortlich organisieren und bewegen. Und so brauchte unsere jüngere Tochter in England tatsächlich über 1 ½ Jahre, bis sie alleine in die Stadt ging.

Ja, und wie schon gesagt, ich fühlte mich in Südafrika nicht mehr sicher, nicht mit der ganzen Familie. Aber das Land ist und bleibt ein Teil meines Lebens, daran wird sich wohl nie etwas ändern.

Der Umzug mit der Familie war riesig, die ganze Last des Umzugs lag auf meinen Schultern. Ich hatte die Aufgabe, hier in England wieder ein Zuhause aufzubauen – und das ist deutlich mehr als nur das Haus einzurichten. Es bedeutet: Alles war neu, nichts, aber auch gar nichts war Routine! Selbst die Sprache war irgendwie ein wenig anders. Die Phase des Eingewöhnens war ungemein anstrengend. Wie beschreibt man das Gefühl am besten? Ich fühlte mich wie ein weißes Blatt, alles galt es neu zu organisieren, auf dem Blatt der Erfahrungen stand noch nicht viel. Ja, ich fühlte mich wie ein unbeschriebenes Blatt Papier.

Als wir ankamen, hatten wir Kontakt zu einem Ehepaar, einem Arbeitskollegen meines Mannes. Sie halfen mir bei den ersten Versuchen die Dinge des täglichen Lebens zu organisieren – doch Freunde waren sie nicht. Zumindest nicht für mich. Und dennoch wollte ich sie nicht missen, denn so ganz ohne ihre Hilfe wäre alles noch heftiger gewesen. Eines Tages sprach ich dann eine Frau mit Reitkleidung im Supermarkt an und fragte sie nach Reitmöglichkeiten – das war der Durchbruch. Durch sie kamen die Pferde wieder in unser Leben und wir sind bis heute mit ihr befreundet.

 

Was ist Heimat für Dich?

 

  1. Da gibt es die kulturelle Heimat und das ist ganz klar die deutsche Kultur.
  2. Heimat ist aber auch da, wo ich bestimmte Dinge tun kann oder bestimmte Dinge sind, z.B. dort, wo mein Klavier ist, dort, wo ich meine Fotos aufbewahre.
  3. Heimat ist da, wo meine Familie ist,
  4. und dort, wo ich mit Pferden leben kann. Wenn ich all das bei mir habe, kann ich fast jeden Ort auf der Welt als Heimat annehmen.

 

Welche Tipps kannst du einer Familie geben, die von einem Land ins andere umzieht?

 

  1. Unbedingt machen, denn es bereichert das Leben.
  2. Macht euch schon vorher mit den Begebenheiten vor Ort vertraut. Recherchiert möglichst viel.
  3. Wir hatten sogar das Haus schon gemietet und die Kinder auf der Schule angemeldet.
  4. Kurz gesagt: „lasst“ euch nicht umziehen, sondern werdet aktiv und macht möglichst viel selbst. Denn dann hat man das Gefühl, die Situation zu beherrschen.
  5. Was wirklich wichtig ist, wenn ihr mit Kindern umzieht: Besprecht die Situation besonders gründlich mit ihnen – vor allem, wenn es Teenager sind.
  6. Generell: Werdet aktiv und geht ganz offen auf neue Menschen zu. Dann wird das schon.

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home
Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von 'I am home' ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.
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