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Zwischen den Welten

Was alles gelingen kann, wenn man eine Lehrerin / Freundin an seiner Seite hat. Fünf Jahre kein regelmäßiger Deutschunterricht und dann ab zurück nach Deutschland in die 8. Klasse. Kann das gut gehen? Dazu möchte ich Euch heute eine Privatlehrerin aus Leidenschaft vorstellen. Sie unterrichtet Deutsch für Jeden, der das mag, in Johannesburg / Südafrika.

 

Liebe Regina, ich finde deine Geschichte und deine Arbeit so spannend, bitte teile sie doch mit uns.

Sehr gerne. Ich wurde in Windhoek, Südwestafrika, dem heutigen Namibia, geboren und bin dort aufgewachsen. Ich war in der höheren Deutschen Privatschule. Mein erstes Studium (B.A) und ein Lehrerdiplom habe ich an der Universität von Natal in Pietermaritzburg gemacht. Nach einer kurzen Lehrzeit in Namibia ging ich für zwei Jahre nach Knoxville / Tennessee und machte dort meinen Master. Danach hatte ich in Südafrika Probleme, eine passende Anstellung zu bekommen, weil ich angeblich ,überqualifiziert‘ war. Ich war verheiratet mit einem Deutschen. Bei der Scheidung nahm ich einen Koffer und meinen siebenjährigen Sohn mit, den ich dann in Johannesburg in die Deutsche Schule schickte. Ich machte auf eigene Faust ein Diplom in Montessori-Erziehung und hatte zeitweise meinen eigenen Kindergarten. Später wurde ich dann als Honorarlehrerin am Goethe-Institut aufgenommen.

 

Seit wann bist Du als Lehrerin tätig?

Als Lehrerin bin ich schon seit 1978 tätig. Seitdem ich 1990 nach Johannesburg kam, unterrichtete ich privat. Zunächst Erwachsene, weil ich in Amerika Studenten in Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hatte. Ich hatte immer mehr oder weniger feste Einkommen oder Anstellungen nebenher, aber gab Nachhilfe aus Neigung und weil ich darum gebeten wurde. Nach und nach gab ich immer mehr Kindern Nachhilfeunterricht in Deutsch, Englisch, Afrikaans und Mathematik. Die deutsche Schule verwies oft Kinder zu mir fϋr diesen ,Förderunterricht‘.

 

Wie viele Schüler hast Du schon unterrichtet?

Unzählige – und alle Nationalitäten und Altersgruppen. Echte, so genannte “Dritte-Welt”-Kinder ungefähr 30. Das heißt: Kinder, die aus Deutschland kamen und Afrikaans oder Englisch brauchten. Manche blieben für fünf oder sechs Jahre bei mir. Im Durchschnitt leiste ich neben Erwachsenenkursen beim Goethe-Institut 22 zusätzliche Stunden, wobei ich nachmittags zu den Häusern fahre und die Kinder dort unterrichte. Nur am Mittwoch und am Samstag habe ich Gruppen, Vorschulkinder und Grundschulkinder. Das sind dann Kinder, deren Eltern oder Groβeltern Deutsche sind, und die auf deren Wunsch auch Deutsch lernen. Der neue Trend ist, in der Vor- und Grundschule mit einer europäischen Sprache anzufangen. Hier um Johannesburg bin ich fast die einzige, die damit experimentiert – als Rückhalt mit Programmen vom Goethe-Institut in München.

 

Mama, in Südafrika bin ich ein Deutscher, und in Deutschland bin ich ein Südafrikaner.

 

Wie erlebst Du heute die Eltern (vielleicht im Vergleich zu vor 10 Jahren)?

Ich meine, dass Eltern heute selbstbewusster auftreten. Sie wissen, was sie wollen und welchen Lebensstandard sie haben möchten. Wenn die deutsche Schule ihnen nicht bietet, was sie für ihre Kinder wünschen, schicken sie die Kinder in englische Schulen in der Nähe oder wo ihnen der Standard und der Lehrplan gefallen.

 

Wie ist die Situation der Lehrer an deutschen Schulen im Ausland?

So gut kann ich das nicht beurteilen, aber natürlich versucht man in der deutschen Schule den Standard so zu erhalten, dass Kinder nach Deutschland wechseln können, ohne ein Jahr zu verlieren. Das macht sich vor allem in den Klassen II, III und IV bemerkbar, wobei sie dann die Kinder mit deutscher Grammatik und Mathematik unter Druck setzen. Die Jahre also, in denen die Entscheidung zwischen Gymnasium und anderen Schulen gefällt wird. Dann ist es viel leichter, ein Kind wegen allen möglichen Mängeln von der Schule zu schicken, als es zu fördern. Oft haben die Lehrer, wenn sie selbst nur ein paar Jahre hier sind, auch kein Interesse, sich ernsthaft zu engagieren und bevorzugen es, Fehler bei jedem und an allem zu finden.

 

Inwieweit unterscheiden sich Kinder, die oft umziehen, von Kindern, die immer an einem Ort leben?

Sie finden Afrika und das neue Leben interessant, aber kämpfen auch mit der Umstellung, zum Beispiel mit dem Erlernen einer anderen Sprache. Wenn die Note dann abwärts geht, zeigen sie manchmal Aggressionen gegen Lehrer und Mitschüler. Oft brauchen sie eine Weile, bis sie sich in auβerschulischen Sportaktivitäten oder sonstigen Aktivitäten wohlfühlen und leiden auch an Heimweh. Die Familie, die im Container mitgelieferten Sachen und die Ferien im Heimatland bedeuten ihnen sehr viel. In Afrika muss man vor allem auch lernen, mal gar nichts zu tun und damit zu überleben.

 

Wenn eine Familie neu ankommt, welche besonderen Bedürfnisse hat sie dann?

Oft haben die Mütter keine Arbeitserlaubnis und wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Sie können vielleicht die fremde Sprache (hier Englisch) noch nicht so gut und haben Angst vor dem fremden, recht unübersichtlichen Gesellschaftsstrukturen. Eine Mutter erzählte neulich, dass das Schlimmste die Abhängigkeit von ihrem Mann sei, da sie hier kein eigenes Bankkonto haben dürfe. Wenn der Mann dann auf Reisen ist, gibt es da so manche Pannen. Die Kinder bekommen das Desintegrieren der Ehe der Eltern schon mit, auch wenn nicht darüber gesprochen wird. Gegenüber den Lehrern sind sie dann oft überheblich und wirken eingebildet, das aber, weil sie oft dem Elternteil zu Hause durch eine schwierige Zeit helfen müssen.

 

Wenn sie wissen, es ist Zeit zu gehen, wie verhalten die Familien sich dann?

Die Eltern machen dann, nachdem sie einigermaßenβen entspannt waren, wieder Druck auf die Leistung der Kinder, und in dem Fall auf die Zusatzlehrer. Die Kinder wissen nicht, was sie erwartet und ob sie sich freuen sollen oder nicht. Besonders schwer ist es, wenn sie gerade Freunde gefunden haben und alles verlassen sollen. Sie schalten dann leicht ganz ab im Unterricht.

 

Welche Programme gibt es, die Eltern und Kindern in der Phase des Übergangs helfen?

Mir wurde gesagt, dass es in größeren Firmen schon Programme zur Unterstützung gibt. Oft wird, meiner Ansicht nach, die Problematik heruntergespielt. Die Firma zahlt den Förderunterricht, aber überlässt der Familie trotzdem die Details. In einer Familie hatte die Mutter einen Deutschkurs, sprich Computerkurs, aus Wetzlar bestellt, der dann vier Monate lang beim Zoll lag. Auch musste dann ein kleiner Junge von sieben Jahren nach der Schule, die um 3:30 Uhr aufhörte, noch einige Stunden Deutsch machen, eine völlige Überforderung für ein Kind in diesem Alter. Ihnen war gesagt worden, dass er ja so im Ausland auch Deutsch als Muttersprache lernen könnte.

 

Wie lebt es sich so in der Welt zwischen den Welten?

Ich möchte da gerne die kluge Bemerkung eines Neffen zitieren, der zu seiner Mutter sagte: ,,Mama, in Südafrika bin ich ein Deutscher, und in Deutschland bin ich ein Südafrikaner.“ Er definierte so das ,nicht eigentlich Hineinpassen‘; ob er es nun ausnutzte oder nicht, sei dahingestellt.

 

Wenn Du eine Sache benennen solltest, die diese Familien am meisten benötigen, was wäre das?

Verständnis für ihre Situation und gute menschliche Kontakte.

 

Was macht man, wenn die einzige deutsche Schule nicht die richtige ist?

Die Eltern wählen dann das Nächstbeste, also eine Schule in der Nähe, die möglichst gute Abschlüsse bietet. Sehr gefragt sind Internationale Schulen, die American International School, oder das British College.

 

Welchen Stellenwert haben die deutschen Schulen für die Eltern (Sozialkontakte etc.)?

Die deutschen Schulen haben hier viel an Wichtigkeit verloren. Man geht zu den Festlichkeiten, dem Schulbasar oder anderen Veranstaltungen. Die Welt ist eben internationaler geworden. Deutsch wird dann für die Kinder oft die Zweitsprache oder Drittsprache und sie sind den Kindern in Deutschland dann nicht mehr so gewachsen.

 

Stellen sich die Lehrer an deutschen Schulen im Ausland auf die besonderen Bedürfnisse von „third culture kids“ ein?

In der Grundschule sind Kinder ja meistens mit dem Lehrstoff voraus, aber das kann zu Langeweile führen. Einige Lehrer arbeiten aber schon mit Binnendifferenzierung. In der Oberstufe tut man vom Fachlichen viel, um die Schüler zu integrieren. Für Afrikaans und Mathematik gibt es Extrakurse, morgens vor der Schule, bis das Kind sich der Klasse anpassen kann. Man gab ihnen auch anderthalb Jahre, um den Klassenstandard zu erreichen. Das wurde wohl kürzlich, mit dem neuen Abitur, abgeschafft.

Es ist zu schaffen, aber oft zeigen Schüler als Teenager eher ihre Antipathie und geben vorzeitig auf, bevor sie es überhaupt probieren mit zu schwimmen. Sie sehen die Zukunft nicht und empfinden das Lernen als sinnlos. Sie werden dann schulisch herabgestuft und abgelehnt von Mitschülern. Eltern meinen oft, wenn sie viel bezahlen, ist alles erledigt. Für mich als Zusatzlehrerin sind das immer die schwierigsten Situationen. Man sagt den Eltern dann: Lass dein Kind doch mal ein Lehrbuch in die Hand nehmen, bau ihn auf, er kann es ja! Das Kind schwimmt praktisch ohne Rückhalt der Eltern oder seiner bisherigen Bezugspersonen in neuen tiefen Gewässer und weiß nicht, wohin.

 

Werden diese Kinder von den Schulen auf eine Rückkehr nach Deutschland vorbereitet?

Lehrer aus Deutschland ziehen oft Kinder aus Deutschland vor. Aber welche Universität oder weiteren Weg sie wählen sollen, wird dann auch den Eltern überlassen. Da lebt man hier in einer anderen Welt – nach dem Motto: jetzt sind wir hier, wer weiβ, was danach kommt.

 

Liebe Regina, ich danke Dir für das Gespräch. Als wir mit unserem Sohn nach Johannesburg gingen, konnte Moritz kein Englisch. Regina half ihm sehr liebevoll, alles Nötige für die Schule und vor allen Dingen alles für den Schulhof und den Umgang mit all den verschiedenen Kinder zu verstehen. Ohne sie wäre es ihm sicherlich wesentlich schwerer gefallen, Fuß zu fassen. Als wir dann nach fünf Jahren zurückgingen, war sie es wieder, die ihm half, den Anschluss in Deutschland zu erleichtern. Ihr Unterricht war so gut und motivierend, dass Moritz (der in einer englischsprachigen Schule war) zwar großen Respekt hatte vor dem, was da kommen mochte, aber er traute es sich zu und stellte sich mutig den Herausforderungen einer Achten Klasse. Heute gehört Deutsch zu seinen Lieblingsfächern in der Schule und das Abitur ist nicht mehr weit.

Doris Traudt
Doris Traudt
Coach für die hochmobile Familie bei I am home
Doris Traudt bietet zusammen mit Ihrem Experten-Team von 'I am home' ergebnisorientiertes und emphatisches Coaching für Expatriates und hochmobile Familien.
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